Terror-Management-Theorie (Greenberg, Pysczynski & Solomon 1986)

Die Terror-Management-Theorie ist eine sozialpsychologische Theorie, die Antworten anbietet auf die Frage, weshalb Menschen an ihren Überzeugungen festhalten und weshalb es ihnen damit auch schwerfällt, andere Menschen mit anderen Überzeugungen zu tolerieren.
Diese Fragestellung basiert auf den Beobachtungen und Überlegungen, die bereits der Sozialanthropologe Ernest Becker (1973) in seinem Buch „The Denial of Death“ (auf Deutsch erschienen mit dem Titel „Die Überwindung der Todesfurcht“) veröffentlichte.
Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit wird als allem Verhalten, Entwicklung von Werten und Kultur zugrundeliegend betrachtet. Angst wird von uns Menschen in der Regel als unangenehm erlebt, da sie in nicht kontrollierbaren Situationen auftritt. (Wird etwas von uns als „kontrollierbar“ erlebt, können wir folglich damit umgehen und brauchen keine Angst davor zu haben.) Wenn wir also Angst verspüren, dann tun wir etwas, um das Gefühl abzuwehren und/oder es gar nicht erst aufkommen zu lassen. Wir vermeiden das, was uns Angst macht (z. B. besteigt niemand Türme, der Höhenangst hat – er/sie vermeidet also Türme). Da wir den eigenen Tod nicht vermeiden können, ist es dem Menschen wichtig, etwas Sinnhaftes zu tun – Sinn im eigenen Leben zu sehen und zu etwas beizutragen, was den eigenen Tod überdauert. Der derartige Umgang mit der (Todes-)Angst wird hier mit „Terror-Management“ bezeichnet.

Gelingt das „Terror Management“ nicht (also die Vermeidung), bedeutet das, dass uns die Sterblichkeit sehr vor Augen steht und dann halten wir umso stärker an unseren Werten (die uns ausmachen und zu unserer Persönlichkeit gehören) und unserer Kultur (z. B. einer sozialen Gruppe oder der Gesellschaft) fest und begegnen Menschen, die andere Werte und eine andere (kulturelle Weltsicht) haben distanziert bis abwertend, da „das Andere“ als Bedrohung der eigenen Sinngebung und damit auch des Selbstwertes erlebt wird.
Terror-Management meint also zum einen den Umgang mit der Todesangst durch Vermeidung, die durch Sinnstiftung geschieht, und zum anderen die Abwehr der als Bedrohung erlebten anderen Weltsicht.

Der Klimawandel und seine Folgen hat einen solchen Bedrohungscharakter, da wir alle uns den Folgen nicht entziehen können. (Wir haben nur diesen Planeten zum Leben.) Nach der beschriebenen Terror-Management-Theorie könnte folglich erklärbar sein, weshalb Menschen(gruppen) ihr klimarelevantes Verhalten (anhaltende Erzeugung von Energie durch fossile Brennstoffe, Reisen mit dem Flugzeug, Fahren spritintensiver Fahrzeuge, Fleischkonsum u.v.a.m.) schwer verändern können. Vor allem dann, wenn keine Selbstwirksamkeit erlebt wird (Verhalten bzw. Handlungen gezeigt werden können, die effektiv und zeitnah zu einer sichtbaren Veränderung führen), was dazu beitragen kann, dass das Selbstwertgefühl geschmälert wird, was ebenfalls von uns Menschen als bedrohlich erlebt wird.
Die bereits beschriebene Theorie der Kognitiven Dissonanz (Festinger 1957) kommt hier auch zum Tragen. Die erlebte Dissonanz und die damit verbundene Spannung ist in der Regel hoch zwischen dem Wunsch nach Selbsterhaltung und dem Wissen, dass der Tod unumgänglich ist (diese Spannung entspricht dem erlebten „Terror“). Die Sinngebung und gewählte Kultur, die man gestaltet, in der man lebt, dient der Selbsterhaltung, so wird alles, was dies bedroht, abgewertet. Das geschieht, um die erlebte Dissonanz (=Spannung), die sich in Angstgefühlen ausdrückt, zu reduzieren (=Terror-Management). Der Effekt tritt v. a. dann auf, wenn die Bedrohung unmittelbar erlebt wird. Experimentell konnten Greenberg et al. (2003, 2004 & 2006) zeigen, dass der Effekt nachlässt, wenn eine zeitliche Verzögerung bzw. eine Ablenkung eintritt zwischen Bedrohung und Reaktion auf das Bedrohungsereignis.

Was kann die (Todes-)Angst noch abmildern?

Kann die eigene Sterblichkeit in den Hintergrund treten und wird eine Unangreifbarkeit, eine Art „Unsterblichkeit“, erlebt – z. B. durch Religiösität, für etwas bekannt sein oder ein Gewinner von etwas sein – dann ist beobachtbar, dass Menschen toleranter mit anderen Menschen, die sich schon äußerlich von ihnen unterscheiden (andere Hautfarbe) und/oder eine andere Weltsicht haben, umgehen können. Das illustriert z. B. das Verhalten der Deutschen beim Sieg ihrer Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 2014, wo sich beim Public Viewing verschiedenste, zumeist fremde Menschen anderer Religion, Hautfarbe, Kultur in den Armen lagen (Gand (2016).
Das ist nicht immer leicht und bzw. „sicher“ zu erreichen. So könnte man auch die „Todesfurcht“ als Chance sehen; oder wie der Ernst Tugendhat es zur Sprache bringt: Die Todesfurcht „beinhalte schließlich eine Herausforderung zu handeln und gewähre die Freiheit, selbst die Initiative zu ergreifen“; weiter: „Nur wer den Gedanken an den Tod zum Anlass nehme, sich selbst aus dem Zentrum der Welt herauszunehmen, könne die Todesangst überwinden. Loslassen mache gelassen“ (zitiert nach Christoph Uhlhaas, in: Spiegel online, 2007).
Uhlhaas zitiert weiter Gedanken des Philosophen Konrad Paul Liessmann: „Wer reflektiert, dass das eigene Leben ein Ende hat, kann mit der natürlichen Todesangst besser umgehen: Und nur wer weiß (sich das bewusst macht und akzeptieren kann – Anm. d. Verf.), dass sein eigenes Leben eines Tages zu Ende geht, kann würdigen, was es zu bieten hat.“

Bezogen auf den Klimawandel und seine die Existenz bedrohlichen Folgen kann das bedeuten, dass es eine Bewusstmachung und Akzeptanz der eigenen Endlichkeit (und der Endlichkeit alles und aller anderen) leichter machen kann, sich der aktuellen Lebenslage zu stellen, was dazu führt, dass man sich auch den resultierenden konkreten Problemen vor Ort stellen kann und man anfängt, diese zu bewältigen. Das kann dazu beitragen, dass vermehrt Selbstwirksamkeit wahrgenommen wird, was sich in der Folge wiederum positiv auf den eigenen Selbstwert auswirken würde. Beides zusammengenommen (hohe Selbstwirksamkeit, hoher Selbstwert) würde dazu führen, dass neue Probleme leichter und sicherer angegangen und möglicherweise leichter bewältigt werden können.

Quellen:

Gand, Kristina Melanie (2016), Terror-Management-Theory extended: Der Einfluss von Mortalitäts- und Immortalitätssalienz im beruflichen Kontext. Dissertation. Bergische Universität Wuppertal

https://de.wikipedia.org/wiki/Terror-Management-Theorie, abgerufen am 13.08.2019

https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/terror-management-theorie/15424, abgerufen am 13.08.2019

https://www.uni-salzburg.at/index.php?id=29586, abgerufen am 13.08.2019

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/sterblichkeit-todesangst-als-wahlkampfhilfe-a-514761.html, abgerufen am 13.08.2019